Messerstechereien & Meerjungfrauen – Famulatur auf den Bahamas. TEIL 1

VORSPIEL.

Die Schnapsidee fing an im schönen Göttingen. Schon wieder machte das London Deutschlands seinem Ruf alle Ehre und es schüttete wie aus Eimern. Meine Theorie war, dass über Göttingen eine dicke graue Regenwolke sitzt, die zwischen den Bergen des Harzes feststeckt und es deshalb nie schönes Wetter gibt. Ich pellte mich aus meinen triefenden Klamotten und beschloss: dieser Misere musst du kurzzeitig entfliehen. Hals über Kopf entschied ich mich, dass ich meine erste Famulatur („Ärztepraktikum“) im Ausland machen wollte, auch wenn ich noch keine Arzt-skills habe. Wir mussten uns im Studium zwar ein mal eine Venenkanüle bei unseren Freunden legen, aber das endete bei den meisten eher im frustranen Blutbad. Nunja. egal. Ich werde gerne ins kalte Wasser geschmissen, denn so lerne ich komischwerwiese am besten.

Da ich im Sommer in Kanada und Amerika als Jugendreiselieterin arbeiten würde, dachte ich mir: „na klaaar kann ich meinen Rückflug einen Monat nach hinten verschieben und nach 6 Wochen tourguiding noch da im Krankenhaus arbeiten! Die nehmen mich schon!“…

Naiv? Wer, ich?

Circa 50 Bewerbungen habe ich an die Mailadressen nordamerikanischer Krankenhäuser gesendet, und 50 Absagen – oder einfach keine Antwort – bekommen. Dabei ist es in dem amerikanischen Lebenslauf nicht üblich, ein Bild einzufügen, weshalb es nicht an meiner Visage liegen konnte. Amerika will leider hauptsächlich nur Amerikaner und Famulaturen kennt man da drüben auch nicht.

Aus Frust und Spaß an der Freud guckte ich nach Krankenhäusern in der Karibik. Der Flug von New York auf die Inseln kostete nur 130€. Alrightyyy, lets give it a try!

Jamaicas Email-account war so voll, dass meine Bewerbung zurückprallte. Sehr professionell! Mein Favorit, die Bahamas, antworteten leider nicht. Der Rückflug war aber schon verschoben und nun flog ich nach Amerika und wollte in dem freigehaltenen Monat am Ende einen roadtrip allein durch Kalifornien machen.

UNVERHOFFT KOMMT OFT

Während ich mit meiner Ruf-Fernreisen-Gruppe in Boston bei einem Baseball Spiel der Red Sox war, hatte ich nach einigen Tagen im  Nationalpark Kanadas das erste mal wieder WIFI.

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Obligatorisch checkte ich meine Mails, da ich die Baseball Regeln sowieso nicht ganz verstand. Okay, ich kannte das Green Monster und Big Papi und mehr brauchte man eigentlich nicht um mitzufiebern, aber Uhdcbniwdncoewnwenfrwjnwj!!!!!

Eine Mail. Von. Den. Bahamas!! Die Sekretärin der Uniklinik fragte, ob ich noch interessiert sei, da ich nie auf die Zusage geantwortet hatte. Diese wurde vor einem Monat an mich gesendet. Später stellte sich heraus, dass sie diese Mail an sich selbst gesendet hatte und ich sie deshalb nie bekam. Mensch. Ihr seht schon – Professionalität auf höchstem Niveau! 😀

BYE BIG CITY LIFE – HI PARADISE

Meine Reiseleiter Zeit endete in New York City. 6 Wochen  waren nun um und das erste mal nach so vielen Wochen war ich wieder alleine. Es war ungewöhnlich still ohne die ganzen verrückten Leute zwischen 15 und 23 Jahren, denen ich Nordamerika zeigen durfte. Ich realisierte bis zu dem Zeitpunkt irgendwie nie so richtig, dass ich das alles jetzt wirklich in die Tat umsetzte. Da hab ich schon das Glück, quasi umsonst die Welt zu sehen und dann auch noch diese Zusage. Es schien so surreal und ich hatte auch noch gar keine Zeit gehabt, mehr als meinen Flug und die Unterkunft zu planen.

Der sparsame Student in mir sagte: Ach quatsch, buch dir kein Hostel für die letzte Nacht in New York, sondern chill doch einfach am Flughafen! Gesagt, getan. Morgens um neun stieg ich also todesmüde in meinen Flieger nach Nassau. Alle Reise-Websites sagten, die Aussicht auf die karibische See sei wunderschön, aber leider pennte ich wie ein Stein, sobald ich drin war. Upsi. 😀

Müde war untertrieben. Ich drückte dem bahamesischen Taxifahrer 20 statt 2 Dollar Trinkgeld in die Hand. Er machte mich zum Glück lächelnd darauf aufmerksam.

Angekommen fiel mir erst mal auf, dass ich eine gute Entscheidung getroffen hatte. Irgendwie hatte ich als „relativ wenig-emotionaler Mensch“ Tränen in den Augen vor Freude. Das hier war jetzt für vier Wochen mein zu Hause:

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HOME

CHIARA ALLEIN IM PARADIES

Das einzige Krankenhaus der 300 Inseln der Bahamas befindet sich auf der bevölkerungsreichsten Insel Nassau. Ich wohne in einer Art ‚Air BnB‘ mit Van, einem geschiedenen Familienvater, der immer internationale Praktikanten bei sich beheimatet. Bis meine schwedischen Mitbewohner eintrudelten, waren es allerdings noch ein paar Tage. „By Friday you’ll have some sisters Chiara“.

Der Zeitplan war straff, direkt am nächsten Morgen ging die Famulatur los und ich rannte nach dem Feierabend um 16 Uhr direkt erstmal ins Meer (bewaffnet mit KFC Chicken Wings). Ich gebe zu, die Meerjungfrauen auf der Überschrift waren gelogen… aber das hier fühlte sich zumindest ungefähr so an.

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Strand vor der Haustür. Träume ich?

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DIE INSULANER

Ich hatte vorher ein bisschen gegooglet und wusste, dass man als Deutsche im Krankenhaus definitiv auffällt. Die Bevölkerung ist dunkelhäutig und fast alle hellhäutigen Menschen, die man auf der Insel sichtet sind Touristen, die in ihren weißen Klamöttchen Cocktails schlürfen. Dass die Bahamas zu den Entwicklungsländern gehören und die Kluft zwischen arm und reich hier sehr deutlich ist, war mir aber nicht ganz so klar. Auch ich wurde als reicher Tourist abgestempelt, der bisschen schwimmende Schweine von einer Yacht beobachten möchte und am nächsten Tag mit dem Kreuzfahrtschiff zur nächsten Insel schippert.

Die Bahamesen sind jedoch sehr herzliche und gastfreundliche Menschen und nach und nach entwickelten sich die Freundschaften nicht nur zu den Touristen. Ich wurde bei den einheimischen Medizinstudenten integriert, als der Chef des Krankenhauses ein Picknick mit Barbecue und Drinks für alle am Strand spendierte.

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„DR GERMANY“ 

Die Notaufnahme, hier A&E genannt (Accident & Emergency) war mein Bereich der 4 Wochen.

Ja, gleich komme ich zu den Messerstichen aus der Überschrift.

Wer nach hohen Medizinischen Standards sucht, muss vielleicht doch eher in Deutschland bleiben. Ein Stauschlauch? Was ist das? fürs Blutabnehmen wickelt man nen Handschuh um den Arm. Ich vergaß beim ersten mal vollkommen , diesen zu lösen, als ich die Kanüle hinauszog und blutete dem armen Mann seine ganze Hose voll. Ooooops..

Auch Desinfektionsmittel ist hier Mangelware. Jede Ärztin hängt sich eine pink glitzernden hand sanitizer an ihr pink glitzerndes Stethoskop und benutzt ihn manchmal mit ihren pink glitzernden Kunstnägeln.

Ihr merkt schon: mehr ist mehr auf den Bahamas, nicht nur das die Größe der Popos angeht. 😉 Blau gemalte Augenbrauen sind der letzte Schrei!

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Nurse

MUDDA SICK!

Englisch ist die Kommunikationssprache. ‚No problem‘ dachte ich. Haha. Dass aber alle so reden wie Bob Marley gemischt mit New York City-Bronx hätte ich dann auch nicht gedacht. Wenn sie ‚Mudda sick‘ sagen, frage ich mich immer welche Mudda denn nun krank ist. Bis ich dann merkte, dass es eine Universalaussage für alles ist. Gutes Wochenende gehabt, etwas fallen lassen, betrunken sein, einen Autounfall haben..

Ich versuchte mir das ganze anzugewöhnen, da die Patienten mein weniger-Slang-mehr-Schulenglisch mit deutschem Akzent nicht ganz so gut verstanden. Ich brachte es wahrhaftig nicht glaubwüdrig rüber, aber wenigstens verstanden sie jetzt meine Fragen in der Anamnese und ich konnte berichten, ob sie eher eine Fehlgeburt oder einen Autounfall hatten. Klingt makaber, ist aber wahr.

Nun, wieder zum Medizinischen.

Wiederbelebungen werden hier nur von Studenten gemacht. Als ein bewusstloser Mann in die Notaufnahme kam, denke ich mir, warum rennen die Ärzte nicht und beleben ihn wieder? Ahh, ICH muss drücken, OK. Als der Mann nach 20 Minuten nicht wiederkam, sagte die Oberärztin ‚Sorry Germany, there is nothing we can do for him‘.

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Krankenhaus
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Uni Sekretariat

Die Notaufnahme hatte verschiedene Bezirke: The Floor, Asthma Bay, Peds (Kinder), ein paar Sprechzimmer und den Trauma Room. letzteres war der spannendste Platz und ich versuchte mich immer morgens um 8 an den Doktor zu hängen, der dafür zuständig war. Die häufigsten Unfälle im Trauma Room waren Herzinfarkte, Messerstiche, Schusswunden und Motorradunfälle. Viele unter Weed-Einfluss. (Also außer die Herzinfarkte). Ein Mann hatte bei einem Motorradunfall ohne Helm seinen Schädelknochen freigelegt. Die Kopfschwarte hing an der Stirn herab und er lief so in die Notaufnahme. Beim Nähen heulte er allerdings wie ein Baby. Als ich dabei assistierte, erzählte mir der Arzt, dass er mal Prostituierte in Berlin gesehen hat, die schöne „big hips and bottoms“ hatten. Diese karibische Arbeitsatmosphäre gefiel mir. Niemand war hier gestresst und rannte durch das Krankenhaus wie in Deutschland.

An den Wochenenden passte ich mich der Atmosphäre dann natürlich noch mehr an und gönnte mir die ein oder andere Kokosnuss am Strand, entdeckte andere Inseln oder lernte das wilde Nachtleben kennen. Mehr dazu im nächsten Teil!

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FORTSETZUNG FOLGT…

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Ihr habt Fragen? Lasst gerne einen Kommentar da. Geht auch anonym 🙂

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6 Gedanken zu “Messerstechereien & Meerjungfrauen – Famulatur auf den Bahamas. TEIL 1

  1. Richtig gut!
    Fands erst ein bisschen eigenartig, von wegen eingebildet und so. Aber es ist echt entertaining!
    Viel Spaß, bin gespannt auf weitere Geschichten 🙂

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    1. Ja, verstehe was du meinst, schon der Titel wirkt ein bisschen eingebildet😜aber ich hoffe ich konnte zeigen, dass „Famulatur auf den Bahamas“ kein Statussymbol ist 😄 freut mich dass es dir gefallen hat! Danke für das Feedback 😊

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  2. Hey Chiara, kannst du auch mal über deine Zeit als Reiseleiterin in den USA schreiben? Mich würde vor allem interessieren, wie du an den Job gekommen bist 🤓 Liebe Grüße!

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